– Diskriminierung von BIPoC[1] Patient*innen und Rassismus beim Gesundheitspersonal


[1] BIPOC abkürzender Begriff für Schwarze, Indigene und People of Color, 27.09.2022

Ausgrenzung im Gesundheitssystem

In Deutschland gilt: Jeder hat Recht auf Gesundheitsversorgung und zudem das Recht auf das höchst erreichbare Maß an körperlicher und geistiger Gesundheit.[1]

Das deutsche Gesundheitssystem steht insbesondere durch den Transformationsdruck vor großen Herausforderungen. Für viele Menschen mit Migrationshintergrund verhindern Probleme wie Sprachbarrieren, Vorurteile und Diskriminierung den Zugang zu gesundheitlichen Versorgungen.

Die zunehmenden Konflikte um Diversität sowohl beim Personal als auch bei den Patient*innen lassen eine unzureichende Auseinandersetzung mit Interkulturalität und Diversität befürchten.

Auswirkungen von Rassismus im Gesundheitssystem

Die Benachteiligung findet nicht nur bewusst, sondern auch unbewusst, beispielsweise bei der Ausbildung von medizinischem Personal, statt. Es fängt mit rassistischen Bemerkungen seitens des medizinischen Personals an und hört bei institutionellen Prozessen und Abläufen auf. So finden sich bis heute in medizinischen Lehrbüchern Diagnosen und Zuordnungen von Krankheiten je nach dunklen oder hellen Hauttypen. In der Praxis führt ein solches Wissen zu medizinischen Fehleinschätzungen und Fehldiagnosen bei BIPoC Patient*innen. Im schlimmsten Fall bleiben Krankheiten unbehandelt, wodurch das Leben der Betroffenen aufs Spiel gesetzt wird. Viele diskriminierende Begriffe kursieren nicht nur im täglichen Sprachgebrauch des Pflegepersonals, sondern auch in der Ärzteschaft. Begriffe wie „Mittelmeersyndrom“ und „Morbus Bosporus“ beschreiben vielmehr eine Verhaltensweise als eine Diagnostik. Es handelt sich hierbei um die Annahme, dass Menschen aus dem Mittleren Osten oder südlichen Gegenden dazu neigen, ihre Schmerzen zu übertreiben. Dieses Vorurteil kann dazu führen, dass Patient*innen, die als arabisch, türkisch oder südländisch gelesen werden, keine adäquate Behandlung erhalten. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts gingen Mediziner*innen davon aus, dass Schwarze Menschen aufgrund ihrer „dickeren Haut“ über eine höhere Schmerzresistenz verfügen, weshalb ihnen weniger Schmerzmittel verabreicht wurden. Diese auf kolonialen Rassentheorien basierende Annahme hält sich teilweise hartnäckig bis in die heutige Gegenwart, obwohl es keine validen wissenschaftlichen Belege dafür gibt. Durch diesen seit Langem andauernden, pseudowissenschaftlichen Glauben wird das Schmerzempfinden oder der gesundheitliche Zustand von BIPoC Patient*innen oftmals falsch eingeschätzt.

Diskriminierungen von BIPoC im Gesundheitswesen geschehen häufig. So ergaben Umfragen, dass viele weibliche BIPoC Patient*innen mit längeren Wartezeiten bei Ärzt*innen konfrontiert oder von einem respektlosen Umgang betroffen sind. Menschen werden aufgrund ihrer zugeschriebenen Herkunft, Religion, Hautfarbe und Sprache diskriminiert. In einem Interview mit dem ZDF berichtete eine junge schwarze Kommunalpolitikerin namens Mirrianne Mahn über ihre Erfahrung mit Rassismus. Bei einer Untersuchung warf ihr der Arzt entgegen: „Seien Sie doch froh, dass sie nicht in Afrika sind, weil da wären Sie schon tot.“ Sie berichtet zudem, dass weder sie als Patientin noch ihre Schmerzen ernst genommen wurden.[2]

Das Netzwerk Black in Medicine möchte auf die Herausforderungen Schwarzer Mediziner*innen und Patient*innen im deutschen Gesundheitssystem aufmerksam machen. Der Verein setzt sich für eine rassismuskritische Medizin und Gesundheitsversorgung ein.
Er bietet eine Plattform, um anonymisierte Erfahrungsberichte von Betroffenen zu teilen und einen Raum für virtuellen Austausch und Vernetzung zu schaffen. Es ist ein „Zuhause für Schwarze Mediziner*innen“, wie sie es selbst nennen. Auf der Website kann man viele Erfahrungsberichte einsehen, die auf die Frage „Was bedeutet Schwarzsein in der Medizin“, eingehen.

Betroffene sprechen über ihre Erfahrungen:

„Schwarzsein in der Medizin bedeutet, dass ich, als Medizinstudentin und Schwarze Deutsche, von einer Patientin nach meinem Aufenthaltstitel gefragt werde.“

„Schwarzsein in der Medizin bedeutet, immer wieder Othering zu erfahren, Kommentare und Fragen zu meiner Herkunft, meinen Deutschkenntnissen oder zu meinem Namen.[1]


 Unter dem Begriff „Othering“ versteht man die Abgrenzung einer einzelnen Person oder Gruppe („Wir“) von einer anderen Gruppe („die Anderen“). Dabei wird die nicht eigene Gruppe als „anders“ und „fremd“ kategorisiert. Sie weicht von der „Norm“ ab und wird somit ausgegrenzt. [2]

In einem aktuellen Beitrag des NDR gibt die Ärztin Muna Ismail Abdi einiges über Alltagsrassismen preis. Sie lebt und arbeitet in Hamburg und ist Mitglied des Vereins Black in Medicine. In dem Beitrag spricht sie über persönliche Rassismuserfahrungen und Hürden in ihrem Alltag. Sie sagt in dem Beitrag, dass es eine doppelte Belastung sei, zu dem stressigen Beruf als Ärztin auch noch mit Rassismus konfrontiert zu werden. Je nach Tagesform fällt es ihr leichter oder schwerer, damit umzugehen. Sie betont, dass sie genau von denjenigen Rassismus erfährt, denen sie ja eigentlich helfen möchte. Stereotypische Annahmen, die auch schon in diesem Beitrag beleuchtet wurden, wie die, dass Schwarze Personen weniger Schmerzmittel benötigen oder die Problematik, dass viele Krankheiten bei Schwarzen Menschen unentdeckt bleiben, weil Ärzt*innen Krankheitsbilder anhand von heller Hautfarbe erlernen, sieht sie als sehr problematisch und als ein akutes und aktuelles Problem an. Sie betont, dass es für viele Menschen wichtig ist, Vorbilder zu haben. Sie selbst hatte nie ein persönliches und vor allem greifbares Vorbild gehabt, weil es einfach zu wenig Schwarze Ärzt*innen gibt und dass das sich in Deutschland ändern muss. [3]


[1] https://blackinmedicine.de/, 21.11.2022

[2] https://www.vielfalt-mediathek.de/othering, 21.11.22

[3] https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/das/dasx28540-amp.html, 21.11.2022


[1] https://www.aerztederwelt.org/wer-wir-sind/menschenrecht-gesundheitsversorgung, 27.09.2022

[2] https://www.zdf.de/nachrichten/video/panorama-rassismus-medizin-100.html, 27.09.2022

Diskriminierung von Angestellten im Pflege- und Gesundheitssektor

Viele ausländische und BIPoC Fachkräfte im Gesundheits- und Pflegewesen berichten außerdem von Patient*innen, die sich von ihnen nicht behandeln oder anfassen lassen wollen. In einem Bereich, wo ohnehin großes Konfliktpotenzial aufgrund des massiven Personalmangels herrscht, wird das Potenzial von ausländischen Pflegekräften aufgrund falscher Annahmen nur unzureichend genutzt.

Gründe dafür liegen oftmals in der Fehleinschätzung bzw. Unterschätzung von Kompetenzen und Fertigkeiten von ausländischen Pflegekräften und Ärzt*innen. So werden Sprachbarrieren fälschlicherweise mit fehlendem Wissen und mangelnder Fachkompetenz gleichgesetzt. Das kann sich darin äußern, dass die ausländischen Fachkräfte bei Fachdiskussionen nicht eingebunden werden. Auch seitens der Patient*innen kommt es häufig zu rassistischen und auch sexistischen Bemerkungen, wie Umfragen herausgefunden haben. [1]

Darüber hinaus kommt es auch zu Benachteiligungen innerhalb internationaler Teams. Bei vielen ausländischen Ärzt*innen oder Pflegekräften kommt es gar nicht erst zur Einstellung, denn die bürokratischen Hürden und die Nicht- Anerkennung von Abschlüssen verwehrt ihnen den Zutritt zum deutschen Arbeitsmarkt. Schaffen sie den Sprung, dann stehen ihnen jedoch die Hürden der Integration noch bevor. Gerade die Aufnahme von Pflegekräften aus dem Ausland ist mit vielen Barrieren und Herausforderungen, aber auch mit fehlendem Wissen von Seiten der einheimischen Belegschaft und Führungspersonal verbunden. Integrationsmanagement wird oftmals nicht ausreichend, als ein ganzheitlich auf allen Ebenen umzusetzendes Konzept, bedacht. Dabei sind Schlüsselqualifikationen wie interkulturelle Kompetenz und Diversity Skills unverzichtbar, um vorherrschende Vorurteile abzubauen und letztlich auch präventiv gegen Diskriminierungen vorzugehen. 


[1] https://gesundheit-soziales-bildung.verdi.de/themen/arbeit-in-europa/++co++ac40f4a8-c228-11e8-9318-525400423e78, 03.10.2022

Rettungsdienste: Rassismus in den eigenen Reihen

Durch Einblicke von Sanitäter*innen und betroffenen Patient*innen konnte auch ein deutschlandweites Problem mit Rassismus und Diskriminierung im Bereich der Notfallversorgung festgestellt werden. Viele Hilfsorganisationen, die sich aus humanitären, ethischen und sozialen Gründen dazu verpflichten, allen Menschen zu helfen, sind auch vor Rassismus in den eigenen Reihen nicht gefeit. Erfahrungsberichte von Mitarbeitenden der Feuerwehr gewähren Einblicke in interne Kommunikationskanäle, in denen Inhalte mit klar diskriminierenden und rassistischen Inhalten wie die Verherrlichung nationalsozialistischer Taten und rechtsradikalem Gedankengut in Chatgruppen ausgetauscht werden. Auch im persönlichen Kontakt kam es zu diskriminierenden Äußerungen unter den Mitarbeitenden oder gegenüber Patient*innen. 

Im Kalender einer Kölner Feuerwache wurden beispielsweise die Geburtstage von prominenten Nationalsozialisten wie Adolf Hitler oder Goebbels eingetragen. Der Sanitäter, der dies meldete, musste letztlich die Feuerwache verlassen. Seine Kolleg*innen verfassten einen Brief, in dem sie ihn beschuldigten, von eigenen Fehlern ablenken zu wollen und forderten seine Entlassung. Dieser besagte Brief wurde von 20 der insgesamt 50 Mitarbeitenden unterschrieben. 

Die Vorgesetzten des entlassenen Sanitäters rieten ihm, die Angelegenheit ruhen zu lassen. Für die Kolleg*innen, die die rechtsradikalen Parolen und Äußerungen verlautet hatten, gab es jedoch keinerlei Konsequenzen. 

Auch konnten mehrfach sexualisierte und diskriminierende Inhalte in Online-Chats der Rettungsdienste aufgedeckt werden. Das Verhältnis zwischen Menschen in Not und Rettungssanitäter*innen sollte auf Vertrauen basieren, denn Menschen in Not hoffen auf eine professionelle Behandlung. Tatsache ist jedoch, dass Rettungssanitäter*innen über einen Ermessensspielraum in der Notfallversorgung von Patient*innen bestimmen und diesen ausdehnen können. Zeugenaussagen berichten beispielsweise von Fehlverhalten während des Dienstes, bei dem Sanitäter*innen sich weigerten, Patient*innen aufgrund des weiter oben genannten Begriffs „Morbus Bosporus“ zu versorgen.

Dabei kann es zu drastischen Nachteilen für die Patient*innen kommen, wenn ihre Beschwerden nicht anerkannt oder bestimmte Behandlungsschritte nicht sorgfältig durchgeführt werden. Konkrete Beweise mangelhafter Arbeit oder absichtlich verweigerter Hilfe aufzuzeigen, sind jedoch notorisch schwierig. Hinzu kommt die Problematik, dass viele Organisationen großen Fachkräftemangel beklagen. Kündigungen würden eine Verstärkung des Problems bewirken, weshalb versucht wird, Konflikte im Privaten zu klären. 

In letzter Instanz haben diejenigen, die negativ auffallen, auch noch die Möglichkeit, die Arbeitsstelle zu wechseln, denn sie sind in einem Sektor tätig, in der immer und überall Mitarbeitende gebraucht werden, vor allem in Zeiten des Fachkräftemangels und der Corona-Pandemie, wo der Arbeitsdruck besonders hoch ist.[1]

 Die Corona Pandemie und ihre Auswirkungen auf BIPOC Patient*innen

Die Corona-Pandemie hat die Diskussion über Diskriminierung im Gesundheitssystem neu entfacht. Sie wirft Licht auf Fehleinschätzungen, falsche oder gar ausbleibende Behandlungen, obwohl sie dringend notwendig sind, sowie auf Vorurteile des ärztlichen Personals gegenüber BIPoC Patient*innen. Durch die Pandemie konnte festgestellt werden, dass mehr Menschen mit Migrationshintergrund verstarben als weiß gelesene Deutsche. Eine Vermutung lautet, dass soziale Ungleichheit, aber auch Diskriminierungen im Gesundheitsbereich sich verstärkt auf Krankheitsrisiken auswirken. Zudem werden auch Informationen, die im gesundheitlichen Sektor von großer Bedeutung sind, häufig nicht in anderen Sprachen veröffentlicht und vermittelt, was den Zugriff für Menschen mit Migrationshintergrund erschwert oder gar verhindert. Diese Problematik ist gravierend bei Konsultationen mit Ärzt*innen, wenn Sprachkenntnisse nicht ausreichend sind und kompliziertes Fachvokabular verwendet wird. Sprachbarrieren führen zudem nicht nur zu Missverständnissen in der Diagnostik und Behandlung, sondern stören auch das Vertrauen zwischen Patient*innen und Ärzt*innen. In diesem Zusammenhang ist eine Heranführung des Gesundheitspersonals an eine kultursensible Behandlung zunehmend von großer Bedeutung. 


[1] https://taz.de/Rassismus-beim-Rettungsdienst/!5879278/, 27.10.2022

Wie Daten helfen können, Diskriminierung im Gesundheitssystem aufzudecken

Durch die fehlenden Statistiken können hier in Deutschland nur auf Erfahrungsberichte betroffener Patient*innen zurückgegriffen werden, die über rassistische Äußerungen und Handlungen des ärztlichen Personals berichten. In Ländern wie den USA existieren seit längerer Zeit aussagekräftigere Studien. So belegen sie beispielsweise, dass dreimal so viele Schwarze Frauen während der Geburt sterben als weiße Frauen (laut Statistiken der Gesundheitsbehörde CDC).

Der Afrozensus[1] ist die erste Studie in Deutschland, die die Lebensrealitäten Schwarzer Menschen in Deutschland widerspiegelt. Im Jahr 2020 nahmen ungefähr 6000 Schwarze an der Umfrage teil, um unter anderem über ihre Lebensumstände, Diskriminierungserfahrungen und von ihrem politischen Engagement zu berichten. Laut dieser Studie wurden etwa zwei Drittel der Befragten in dem Bereich „Gesundheit und Pflege“ schon einmal mit Diskriminierung konfrontiert. Der meistgenannte Grund war die Benachteiligung aufgrund ihrer Hautfarbe, aber auch andere rassistische Gründe wie die ethnische Herkunft, sowie ein nicht deutscher Name wurden häufig erfasst.

Deutschland muss im Hinblick auf die Aufdeckung und Bekämpfung von rassistischer Diskriminierung im Gesundheitssektor mehr repräsentative Daten durch Studien erfassen. Im Vergleich zu anderen Ländern, die bereits viele Statistiken und Forschungsberichte zu diesem Problem besitzen, steht Deutschland noch weit hinten. Die ersten Schritte wurden während und nach der Corona-Pandemie angestoßen, wie anhand des Afrozensus zu sehen ist, der die ersten repräsentativen Daten bietet. Auch andere Netzwerke wie beispielsweis Black in Medicine möchten gegen Rassismus im Gesundheitssektor aktiv vorgehen. Zwar wurde ein Anfang gelegt, aber es steht uns noch ein langer Weg bevor. Doch nur mithilfe von validen Daten können wir rassistische Diskriminierung an ihren Wurzeln packen und Maßnahmen zur Verbesserung ergreifen. 


[1] https://afrozensus.de/reports/2020/,28.10.2022

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